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Wolf Heinecke www.artists-net.de/wolf-heinecke DIE IDEE DES BAUMES „Wenn es etwas gibt, wofür zu leben lohnt, dann ist es die Betrachtung des Schönen.“ (Platon) Kein Philosoph des Altertums hat der Schönheit eine solche Bedeutung beigemessen wie Platon (427-347 v. Chr.) und zugleich so entschieden das verurteilt, was später schöne Kunst genannt wurde... Denn was immer es für ihn in der Kunst zu finden gab: Wahrheit gehörte nicht dazu... Denn Wahrheit hat nach Platon nichts mit Ähnlichkeit oder Übereinstimmung zu tun, sondern mit dem Seinsgehalt einer Sache. Wie steht es nun unter solchen Voraussetzungen mit dem Wahrheitsgehalt der Kunst? Platon unterscheidet zwei Arten von Künstlern: erstens solche, die schöpferisch etwas herstellen, und zweitens solche, die sich auf die Darstellung oder Nachahmung des bereits Bestehenden beschränken. Erstere stehen der Wahrheit näher als letztere. Während jene nämlich immerhin noch die Ideen, die sie in ihrem Geist vorfinden, unmittelbar in einen einzelnen, konkreten Gegenstand umsetzen, schaffen diese bloß ein Abbild solcher Gegenstände. Sie sind „Nachahmer“ des sichtbar Gegebenen. Er schafft so ein Bild zweiter Ordnung, gewissermaßen das Bild eines Bildes, weil er nicht mehr das Seiende nachbildet, sondern nur noch das Erscheinende. Mehr als das kann der Künstler aber nicht tun, da die Idee zwar intellektuell geschaut werden kann, aber sich aufgrund ihrer wesentlichen Allgemeinheit nicht sinnlich darstellen läßt. Die nachahmende Kunst kann somit niemals mehr sein als gleichsam „der Schatten eines Traums“. ... Im vollkommenen Sinne wahr ist nur das, was auch in höchstem Maße ist. Da nun aber alles, was uns in dieser Welt begegnet, der Zeit unterworfen ist, scheint es nichts zu geben, das sich immer gleich bleibt, und nichts, das nicht irgendwann zugrunde geht. Kaum ist etwas, so ist es auch schon nicht mehr. Wenn den Dingen überhaupt eine gewisse Existenz zukommt, dann nur, weil jedes von ihnen ein ganz bestimmtes, wiedererkennbares Wesen besitzt, eine ihm eigentümliche Gestalt... Diese Wesensgestalten sind aber, auch wenn sie in die zeitlichen Dinge eingehen, selber unzeitlich. Jeder Baum etwa kann und wird irgendwann zugrunde gehen, aber das, was ihn allererst zu einem Baum macht, seine Baumhaftigkeit, wird in einem anderen Baum weiterleben. Selbst wenn es eines Tages überhaupt keine Bäume mehr geben sollte, wird deren Wesen - das, was Platon die Idee des Baumes nennen würde - weiterhin bestehen, weil es von dem Untergang der Einzeldinge überhaupt nicht betroffen wird. Das hat nichts damit zu tun, dass Bäume auch dann noch vom Menschen gedacht werden könnten. Ideen sind für Platon keine bloßen Vorstellungsinhalte, sondern vielmehr so etwas wie die ewigen Urbilder alles Seienden, ohne die es die uns bekannte, sinnlich erfahrbare Welt gar nicht gäbe. ... In allen Erscheinungen ist es allein die Schönheit, die unsere Liebe erweckt. Was immer wir liebend begehren, erscheint uns als etwas Schönes... Denn mehr als alles andere weist das erscheinende Schöne über sich hinaus: es ist das „Hervorscheinendste“, weil es dem Menschen am deutlichsten die Herrlichkeit der urbildlichen Wahrheit zu Bewusstsein bringt und so in ihm eine starke Sehnsucht danach erweckt.... Am schönsten aber ist die Idee des Schönen selbst, die mit der Idee des Guten zusammenfällt und laut Platon die höchste Wahrheit darstellt. So sind das Schöne, Wahre und Gute letztlich ein und dasselbe. Wenn die Kunst überhaupt irgendeine Berechtigung haben soll, muss sie sich in den Dienst des Guten stellen lassen. Das heißt, sie muss, wenn sie schon nicht die Wahrheit der Ideen darzustellen vermag, wenigstens eine erzieherische, seelenbildnerische Funktion übernehmen. Michael Hauskeller Professor der Philosophie Wolf Heinecke gehört zu jener Künstlergeneration in Thüringen, die in der liberalen Atmosphäre der Nachkriegsära ihr Studium begonnen und an der Weimarer Hochschule für Baukunst und bildende Künste die ersten Schritte ins eigene Werk unternommen hat. Im euphorischen Klima des künstlerischen Aufbruchs prägt ihn die Begegnung mit Bildern der Bauhausmeister, die für ihn in der NS-Zeit im Verborgenen geblieben waren. Durch die unvermittelte Berührung mit der Klassischen Moderne keimt ein Gefühl der Irritation und Verunsicherung auf, das nach Neuorientierung und künstlerischer Selbstbestimmung verlangt. Als herausragende Schlüsselfigur fungiert für Heinecke der Privatdozent, Künstler und Dichter Fritz Henning, der im virulenten Weimarer Künstler- und Studentenkreis „Der typische Dienstag“ nicht nur über die Literatur von Joyce, Proust und Canetti, sondern auch über die Grundprinzipien der Morphologie referiert. Mit der Urformenlehre vermittelt Henning den jungen Kunststudenten ein gestaltpsychologisches Universalmodell und eröffnet damit zugleich eine Handlungsanleitung, den mannigfachen Phänomenen in Natur, Leben und Kunst auf einer einheitlichen geistigen Basis habhaft zu werden. Später wird dieses Gedankengebäude im Werk Heineckes Früchte tragen. Vorerst formuliert der Student eine atmosphärische, bisweilen expressive Landschaftsauffassung, die eher den formalen Anforderungen der Hochschule folgt. Nach politischer Denunziation und Verhaftung setzt er sich 1950 über Nacht aus der DDR ab und beendet damit abrupt seine Weimarer Studienperiode. Sie bleibt die prägende Phase seines künstlerischen Reifeprozesses. Ihr geistiger Nachhall ist mit wechselnder Intensität bis in die jüngste Zeit zu spüren. Seit Anfang der 60er Jahre entwickelt Heinecke eine Bildsprache in der Nachfolge Paul Klees, mit der er jenseits der informellen Malerei seiner Sandgrafiken die bildnerischen Leistungen der Klassischen Moderne aufgreift. Mit poetischen Abstraktionen und verschlüsselten Metaphern beschreibt er eine phantastische Mikrowelt aus seltsamen Figuren, graphischen Kürzeln, kosmischen Zeichen, erotischen Chiffren und organischen Gestaltbildungen. Es sind übersetzte Innenbilder von Seelenlandschaften und quälende Zustandsanalysen eigener Befindlichkeiten, die die psychischen Bedrängnisse, Gefahren und Zwiespälte subjektiver Isolation visualisieren. Ein Jahrzehnt später ist Heinecke ausschließlich dem Landschaftlichen verpflichtet, dem er sich auf unterschiedliche Weise nähert, sowohl in fokussierten Detailansichten wie mit vogelperspektivischen Gesamtbildern. Jetzt wird das morphologische Prinzip zum bildnerischen Schaffensgrundsatz. Heinecke gestaltet keineswegs Abbilder topographisch bestimmbarer Landschaften, in denen sich eine Identität des visuellen Gegenübers manifestiert. Vielmehr wird ihm Natur zum Erkundungsraum des Archetypischen, das sich in den inhärenten Strukturen der Gestalt als Urbild der Landschaft offenbart. So formuliert sich in horizontal-schalenhaften Senkungen und Hebungen ein peripher-weibliches und im vertikal-organisch Vegetativen ein radiär-männliches Prinzip. Beides markiert das Feld jeglicher Existenz. Die menschliche Figur ist im Werk Heineckes selten anwesend. Das heißt nicht, daß sie in dessen Kunst keine Rolle spielt. Diese setzt den Menschen vielmehr voraus: als mitdenkender, einfühlender, antwortender Betrachter. Aus unserer Realität diesseits der Bilder und Blätter des gebürtigen Thüringers schauen wir wie durch Fenster zurück oder voraus auf ein Urbild des Lebens und der Welt. Holger Saupe, Historiker, Kunstsammlung Gera |
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